Sie sperren Mund und Ohren auf, wenn Tino seinen Wunderkoffer öffnet, den Krummsäbel heraus nimmt und einen Turban aufsetzt: Die Kinder bei den Lesungen des 40-jährigen Kinderbuchautors aus Ettlingen. Tino schlüpft in Kostüme, er verkleidet die Kinder und läßt sich ausfragen. Sein Alter und seine Schuhgröße wollen die Kinder wissen, sowie Anekdoten aus Indien hören. “Ach wäre das schön, wenn du mein Papa wärst“, schrieb ihm kürzlich ein Mädchen, und tatsächlich: Die Kinder lieben den Erfolgsautor heiß und innig und schreiben ihm zahlreiche Briefe, die er auch alle selbst beantwortet. Ganz Profi-Entertainer berichtet Tino, dass erst nach dieser Motivationsphase (“ich habe Sozialpädagogik studiert”) die Lesung aus seinen Büchern folgt. Ein gutes Dutzend sind es mittlerweile geworden; gerade ist “Das Krokodil mit den Turnschuhen” erschienen.
“Ich bin ja mal gespannt, ob mich die Kinder nach der Turnschuhmarke fragen”, lacht Tino und erzählt, wie Elena und ihr Stoffkrokodil, mit dem sie ihre größten Geheimnisse teilt, Besuch von echten Krokodilen bekommen, die plötzlich aus dem Fernseher steigen. Wie immer hat Tino sein neues Buch selbst illustriert mit den mittlerweile typischen Tino-Figuren: Das freundliche Krokodil, das ängstliche und zugleich lustige Mädchen oder das grinsende Bärchen – es sind Figuren von hohem Wiedererkennungswert.
“Meinen größten Erfolg hatte ich mit ›’Hier kommt Pfefferminz‘”, sagt Tino. Die Geschichte um das sympathische Schwein Pfefferminz ist in Spanien gar in der vierten Auflage. Über 200 Auftritte hatte Tino im vergangenen Jahr im gesamten deutschsprachigen Raum. Kinder zwischen 5 und 13 Jahren gehören zu seinem Publikum. “Bei den älteren Kids zeige ich auch noch Dias aus Indien.” Überhaupt ist Indien eine von Tinos großen Leidenschaften, und nur wegen einer anderen großen Leidenschaft, nämlich seinem einjährigen Sohn Janik verzichtete er 2002 auf eine Indienreise.
Die Kinder sehen in Tino mittlerweile eine Art “Wunschpapa“. Und wie ist das bei Tino? “Ich schwebe zwischen den Altern”, lacht er, “wenn ich mit Janik spiele bin ich so alt wie er, bei meinen Lesungen bin ich so alt wie mein Publikum, und manchmal bin ich auch der alte Papa meines Sohnes.” Tatsächlich ist der 40-Jährige einer der jüngsten Kinderbuchautoren: “Die Verlage wollen keine Risiken mehr eingehen”, bedauert Tino die nicht vorhandene Nachwuchspolitik.
Der Durchbruch kam für ihn Anfang der 90er-Jahre als er Michael Endes Buch “Die Geschichte von der Schüssel und vom Löffel” illustrierte. Tino war fortan ein gefragter Mann: Rundfunkgeschichten und Fernsehauftritte folgten, für den Hessischen Rundfunk schrieb er gar ein Feature über John Lennon – die Musik der 60er- und 70er-Jahre ist eine weitere Leidenschaft des Ettlingers. Ein weiterer Meilenstein in seiner steilen und anhaltenden Karriere ist “Rudi experimentiert mit Wasser, Erde und Luft“, ein Buch zu einer der bekanntesten Kinderserien des ZDF rund um den Raben Rudi (“Mach mit bei Siebenstein”).
Es sind stets Geschichten um das magische Weltbild von Kindern, die Tino erzählt. Da werden die Krokodile aus dem Fernseher lebendig, da sitzt das gemütliche Hausschwein Pfefferminz am liebsten auf dem Sofa. “Ich muss mich erstens ein wenig an die Vorgaben der Verlage halten”, erklärt Tino, “und zweitens denken Kinder in einem gewissen Alter eben magisch.” Im Augenblick jedoch schreibt er an einem Jugendroman mit dem Titel “Die Spur des Tigers“. Dieser spielt natürlich in Indien und erzählt die Geschichte des kleinen Straßenjungen Ravi. “Nach vier Indienreisen kenne ich das Land ein bisschen”, sagt Tino und erzählt gleich wieder von seinem jungen Publikum, das ihm so viele Fragen zu dem fernen Land stellt, und er bedauert, dass es in Deutschland so wenige Bücher für Kinder über ferne Länder und Kulturen gibt.
Kommt bei seinen über 200 Auftritten pro Jahr seine Familie nicht zu kurz? “Auf keinen Fall”, sagt Tino, “ich verbringe meine Zeit lieber mit Janik und meiner Freundin als im Hotel.” Zumal es in dem kleinen Hexenhäuschen, das er sich im Stadtteil Spessart mühe- und liebevoll renoviert hat, viel gemütlicher ist als in einem Hotelzimmer.