6. Oct. 1999
Der 36jährige Tino aus Ettlingen ist ein erfolgreicher Kinderbuchautor. Gerade ist sein achtes Buch Rudi experimentiert mit Wasser, Erde und Luft in der Reihe Mach mit bei Siebenstein im Falken-Verlag erschienen. Siebenstein ist seit zehn Jahren eine der erfolgreichsten Kinderserien im ZDF.

Obwohl Tino dieses Jahr 150 Lesungen hatte, davon fünfzig im Frühling und hundert im Herbst, wollte er sich diesen Auftrag nicht entgehen lassen, weil praktisch jedes Kind den Raben Rudi kennt. Für Tino bedeutete das allerdings, das Buch zum großen Teil im Hotel schreiben zu müssen. Morgens um sechs klingelte der Wecker, dann las er an zwei Schulen, fuhr nachmittags in eine andere Stadt weiter, um in einer Bibliothek zu lesen und kam abends gegen 8 in eine dritte Stadt, um im Extremfall am nächsten Tag wieder an einer oder zwei Schulen zu lesen. Nicht nur wegen dieses Stresses war das Buch eine Herausforderung, sondern auch deshalb, weil er sich mit Physik auseinandersetzen und den Kindern beispielsweise den Wasserkreislauf erklären mußte. Hätte ihm übrigens ein Tag vor dem Abgabetermin nicht ein Kollege den ganzen Text in den Computer getippt, wäre aus dem Buch nichts geworden, von Computern hat Tino nämlich leider immer noch keinen blassen Dunst.
Richtig bekannt wurde Tino, als er Michael Endes Buch Die Geschichte von der Schüssel und dem Löffel illustrierte. Er selbst wurde damals mit einem eher kläglichen Honorar abgespeist – Michael Ende, den Tino als liebenswürdigen Menschen in Erinnerung hat, bekam davon wahrscheinlich gar nichts mit.
Tinos Lieblingsbuch ist die Geschichte vom Schwein Pfefferminz Hier kommt Pfefferminz, die in Ettlingen-Spessart spielt, wo Tino sich in mühevoller Kleinarbeit ein kleines Fachwerkhaus renoviert hat. Pfefferminz ist ein gemütliches Hausschwein, das am liebsten auf dem Sofa sitzt, Pfefferminztee trinkt und seine Gastfamilie mitsamt ihren Gepflogenheiten nur schwer begreifen kann. Weshalb Pfefferminz sein Lieblingsbuch ist? Beim Schreiben und Zeichnen mußte er gelegentlich selbst lachen, und außerdem identifiziert er sich mit dem Schwein, das einen sehr eigenen Charakter hat. Pfefferminz denkt, wie Tino als Kind gedacht hatte – es ist praktisch sein Kindheits-Ich. Außerdem findet Tino Schweine sympathisch. Wenn er ein Haustier hätte, dann wahrscheinlich ein Schwein, mit dem er dann im Dorf Gassi ginge. Leider geht das nicht, schließlich kann er in ein Hotel kein Schwein mitnehmen. Pfefferminz erscheint übrigens im Frühling in einem angesehenen Verlag in Barcelona auf Spanisch, andere Tino-Bücher wurden ins Französische oder Niederländische übersetzt. Tino ärgert sich über die Bornierheit mancher deutscher Verlage, die immer noch Unterschiede machen zwischen Literatur für Kinder und für Erwachsene, im Gegensatz beispielsweise zu den Briten. Das äußert sich darin, daß die Lektoren seine Texte gelegentlich verniedlichen oder vermeintlich kindgerechter gestalten. Beim Pfefferminz allerdings konnte er Gott sei Dank schreiben, was er wollte – vielleicht wurde es gerade deshalb im vergangenen Jahr zum Kinderbuch des Monats März gewählt.
Tino, der vor genau zehn Jahren seinen ersten Text in einer Anthologie veröffentlichte, ist ein großer Fan von Oldies aus den 60er und 70er Jahren. Vor einiger Zeit schrieb er für den Hessischen Rundfunk ein Feature über John Lennon, und natürlich machte er dort auch eine Kindersendung über Schweine. Damals, als er noch Zivildienst machte und kurz darauf Sozialpädagogik studierte, hätte er sich auch nicht träumen lassen, daß er einmal Ärger mit einer bekannten Porzellan-Manufaktur bekommen würde. Diese hat nämlich einige seiner Motive genommen und wegen des Urheberrechts ein klein wenig verändert. Jetzt gibt es Tassen und Teller mit fast typischen Tino-Figuren, ohne daß Tino etwas dagegen unternehmen kann, geschweige denn etwas daran verdient.
Artikel von Matthias Kehle